Mittwoch 10–13:15 / Freitag 10–13:30
Finkenau 153 & 142 (Altbau)
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Es war eine trostlose Novembernacht, als ich mein Werk fertig vor mir liegen sah. Mit einer Erregung, die fast einer Todesangst glich, machte ich mich daran, dem leblosen Dinge den lebendigen Odem einzublasen. Es war schon ein Uhr morgens. Der Regen klatschte heftig an die Fensterscheiben, als ich beim Scheine meiner fast ganz herabgebrannten Kerze das trübe Auge der Kreatur sich öffnen sah. [Frankenstein oder Der moderne Prometheus, Mary Shelly, 1818]
Im Laborkurs »It’s Alive« nähern wir uns den Themen Typografie und Buchgestaltung auf experimentelle Weise. Ähnlich wie Victor Frankenstein in Mary Shellys Roman versuchen wir das gedruckte Buch – erstes mechanisch hergestelltes Massenprodukt [The Gutenberg Galaxy, Mashall McLuhan, 1962] – mit typografischen Mitteln zum (künstlichen) Leben zu erwecken. Obwohl wir uns in diesem Semester ausschließlich mit Gedrucktem beschäftigen und dabei eine streng systematische Gestaltung verfolgen, wollen wir die Titel, Textblöcke und Fußnoten zum Leben und Tanzen bringen. Digitale Gestaltungstools führen uns oft zu kalten, statischen und langweiligen Entwürfen, die anschließend verzweifelt und mit spektakulären, aber kurzlebigen Effekten zu retten versucht werden. Wie der Schweizer Doktor suchen wir Referenzen und Versatzstücke, in denen wir (typografisches) Leben vermuten, kombinieren diese mit selbst hergestellten Teilen und setzen alles im Labor zu etwas Neuem zusammen.
Dabei lassen auch wir nichts unversucht und nutzen neben den üblichen Werkzeugen wie Adobe InDesign auch code-basierte Workflows mit Hilfe von HTML/CSS (+paged.js). Und wir holen uns gegebenenfalls Hilfe bei anderen künstlichen Lebewesen wie Claude, GPT usw.
Die Ergebnisse dürfen überraschend bis erschütternd sein. Anders als der unglückliche Frankenstein werden wir unserer Schöpfung (egal wie erschreckend) mit Liebe und Neugier begegnen.
Nichts ist flüchtiger als die menschlichen Gefühle. Nahezu zwei Jahre hatte ich gearbeitet, nur um etwas zu schaffen, dem ich Leben einflößen könnte. Dazu hatte ich mich also meiner Ruhe und Gesundheit beraubt! Mit der ganzen Glut meines Herzens hatte ich mich nach der Vollendung gesehnt, und nun war die Schönheit des Traumes verblichen, unsäglicher Schrecken und Ekel erfüllten mich. [Frankenstein oder Der moderne Prometheus, Mary Shelly, 1818]

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